Als US-amerikanische und israelische Streitkräfte Ende Februar dieses Jahres Angriffe auf den Iran starteten und die Straße von Hormus kurz darauf faktisch gesperrt wurde, reagierten die Börsen mit einer selten gesehenen Mischung aus Schrecken und Kalkül. ExxonMobil, der weltgrößte börsennotierte Ölkonzern, verlor vorübergehend rund neun Prozent seines Börsenwerts. Die Begründung schien naheliegend: Der Konzern ist im Nahen Osten engagiert, die Region brennt. Doch wer die Quartalszahlen genauer liest, erkennt ein weitaus nuancierteres Bild.
Die Realität ist paradox: ExxonMobil leidet unter dem Konflikt — und profitiert gleichzeitig erheblich von ihm. Wer verstehen will, warum, muss das Unternehmen in seinen zwei grundverschiedenen Rollen betrachten: als Förderer von Rohöl und Flüssiggas einerseits, und als Raffinierer und Händler andererseits.
Das Nahost-Exposure: bedeutend, aber begrenzt
ExxonMobil ist im Nahen Osten primär an zwei Standorten tätig: in Katar, wo der Konzern Anteile an mehreren Flüssiggas-Anlagen (LNG) hält, sowie in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Diese Assets sind nicht unbedeutend — sie repräsentieren rund 20 Prozent der gesamten Öl-Äquivalent-Produktion des Konzerns weltweit.
Das klingt nach viel. Im entscheidenden Kontext — dem Gewinnbeitrag — relativiert sich die Zahl jedoch erheblich. ExxonMobil selbst hält in einer SEC-Pflichtmitteilung fest, dass diese Assets zwar 20 Prozent der Produktion ausmachen, aber einen kleineren Anteil am Upstream-Gewinn beisteuern. Der Grund: In Katar hält Exxon oft Minderheitsbeteiligungen an staatlich kontrollierten Projekten, die Margen sind reguliert und die Kostenstruktur belastet den Ergebnisbeitrag.
Was bedeutet das in konkreten Zahlen? Der direkte Ergebniseffekt aus dem Produktionsausfall belief sich im ersten Quartal auf rund 430 Millionen US-Dollar. Sollte die Straße von Hormus das gesamte zweite Quartal gesperrt bleiben und die Situation sich nicht verbessern, würde sich dieser Ausfall annähernd wiederholen. Auf das Gesamtjahr hochgerechnet stünde ein Produktionsausfall von rund 1,7 Milliarden Dollar im Raum — gemessen am Jahresgewinn 2025 von 28,8 Milliarden Dollar entspräche das einem Ergebnisrückgang von etwa sechs Prozent. Schmerzhaft, aber kein existenzieller Einschnitt.
Der stille Profiteur: der Ölpreis
Genau hier liegt die entscheidende Gegenbewegung. Die Sperrung der Straße von Hormus hat den globalen Ölmarkt in seinen Grundfesten erschüttert. Durch die Meerenge fließen unter normalen Umständen etwa 20 Prozent des weltweiten Ölhandels. Fällt dieser Korridor weg, steigt der Preis — und zwar deutlich.
Exxon fördert täglich rund 4,6 Millionen Barrel Öläquivalent — größtenteils in Regionen, die von der Hormus-Sperrung nicht direkt betroffen sind: im texanischen Perm-Becken, im aufstrebenden Guyana, in Kanada und in Europa. Jeder Dollar, um den der Rohölpreis steigt, verwandelt sich direkt in Mehreinnahmen auf diesen Barrels.
ExxonMobils eigene Zahlen belegen den Effekt eindrücklich: Der Preisanstieg bei Flüssigkeiten brachte dem Upstream-Segment im ersten Quartal allein 1,9 bis 2,3 Milliarden Dollar an Mehrgewinn — dazu kamen weitere 200 bis 600 Millionen Dollar aus gestiegenen Gaspreisen. In der Summe: ein Preisgewinn von rund 2,5 Milliarden Dollar in einem einzigen Quartal, dem ein Produktionsausfall von 430 Millionen Dollar gegenübersteht. Das Verhältnis beträgt nahezu sechs zu eins.
„Der Ölpreis-Rückenwind übertrifft den Nahost-Produktionsausfall um den Faktor sechs — und das in einem einzigen Quartal."
Analytiker schätzen, dass jeder einzelne Dollar Ölpreisanstieg den Gewinn je Aktie von ExxonMobil um etwa 21 Cents erhöht. Beim Anstieg von 70 auf über 107 Dollar je Barrel — also rund 37 Dollar — ergibt sich ein theoretischer Gewinnzuwachs von annähernd sieben bis acht Dollar je Aktie auf Jahresbasis. Dem stehen geschätzte Verluste aus dem Produktionsausfall von deutlich unter einem Dollar je Aktie gegenüber.
Die buchhalterische Täuschung: Warum Q1 dennoch schlecht aussah
Wer die Schlagzeilen der vergangenen Wochen verfolgt hat, stieß auf alarmierende Zahlen: Der Gewinn von ExxonMobil fiel im ersten Quartal um 45 Prozent auf ein Fünf-Jahres-Tief von 4,2 Milliarden Dollar. Die Aktie gab nach. Klingt nach einer Katastrophe — ist aber in weiten Teilen eine buchhalterische Verzerrung.
Der Grund liegt in der Besonderheit des Ölhandels: ExxonMobil sichert seine Lieferungen mit Finanzderivaten ab. Wenn der Ölpreis stark steigt, müssen diese Absicherungskontrakte zum Marktwert bewertet und als Verlust gebucht werden — auch wenn das physische Öl noch nicht geliefert wurde. Im ersten Quartal führte genau dies zu sogenannten „Timing-Effekten" von rund 3,9 Milliarden Dollar, dazu kamen Verluste auf Hedgekontrakte von 706 Millionen Dollar.
Das Entscheidende: Diese Buchverluste sind temporär. Sie lösen sich auf, sobald die physischen Lieferungen abgewickelt sind. ExxonMobil selbst stellte klar, dass das bereinigte Ergebnis je Aktie — also ohne diese Timing-Effekte — im ersten Quartal über dem Niveau des Vorquartals lag. Analysten erwarten für das zweite Quartal einen deutlichen Rebound auf annähernd 104 Milliarden Dollar Umsatz.
Das Szenario nach dem Konflikt: kein Absturz, sondern Rückkehr
Eine naheliegende Frage stellt sich für jeden, der über den Moment hinausdenkt: Was passiert, wenn der Konflikt endet, die Straße von Hormus wieder öffnet und der Ölpreis fällt? Verliert ExxonMobil dann seinen wichtigsten Gewinnhebel?
Die Antwort ist differenzierter, als sie auf den ersten Blick erscheint. Ja, ein rückläufiger Ölpreis würde die Upstream-Gewinne schmälern. Doch gleichzeitig kämen die Nahost-Assets schrittweise wieder online — und würden ihren Produktionsbeitrag von 20 Prozent wieder vollständig liefern. Der Ausfall-Effekt von bis zu 1,7 Milliarden Dollar pro Jahr würde sich also im selben Zug auflösen, in dem der Preiseffekt nachlässt.
CEO Darren Woods hat in diesem Zusammenhang auf einen praktischen Punkt hingewiesen: Nach einer Wiedereröffnung der Straße werden ein bis zwei Monate benötigt, um Lieferströme zu normalisieren — Schiffe müssen repositioniert, Rückstände abgebaut werden. Die Nahost-Produktion, so Woods, könne relativ schnell wieder aufgenommen werden. Einzige Ausnahme: Die durch Raketenbeschuss beschädigten LNG-Anlagen in Katar, die rund drei Prozent der globalen Upstream-Produktion Exxons ausmachen, werden längere Reparaturzeiten benötigen.
Was bedeutet das strukturell? Im Falle einer Deeskalation würde der Konzern einen Teil seines Preisvorteils einbüßen — aber gleichzeitig seine Produktionsbasis zurückgewinnen. Die Kurskorrektur, die manche Analysten bei einem Friedensschluss befürchten, dürfte moderater ausfallen, als der aktuelle Ölpreis-Hebel vermuten lässt. ExxonMobil ist in diesem Szenario gleichzeitig Nutznießer und natürliche Absicherung gegen den eigenen Rückschlag.
Fazit: Krisengewinner mit klarem Kopf
Die Geschichte von ExxonMobil im Nahost-Konflikt ist keine Geschichte des ungebremsten Profits — aber auch keine Geschichte des Schadens. Es ist die Geschichte eines Konzerns, dessen geographische Aufstellung ihn zu einem natürlichen Profiteur steigender Ölpreise macht, während seine Nahost-Beteiligungen zwar sichtbar, aber in ihrer Ertragsbedeutung überschaubar sind.
Die buchhalterischen Verwerfungen des ersten Quartals haben ein verzerrtes Bild gezeichnet. Wer auf das bereinigte operative Ergebnis schaut, sieht einen Konzern, der von der Krise profitiert — trotz, nicht wegen seines Nahost-Exposures. Und sollte der Konflikt enden, hat ExxonMobil eine eingebaute Absicherung: Die zurückkehrende Produktion gleicht einen Teil des Preisverlustes aus.
Die Straße von Hormus ist für ExxonMobil kein unkalkulierbares Risiko. Sie ist ein Faktor — einer von vielen in einem Konzern, der täglich 4,6 Millionen Barrel Öläquivalent aus mehr als einem Dutzend Regionen dieser Welt fördert.