1. Konventionell Onshore – Das klassische Ölgeschäft
Bei der konventionellen Onshore-Förderung wird in poröse Gesteinsschichten gebohrt, in denen das Öl relativ natürlich fließt oder mit einfachen Pumpen gefördert werden kann.
Vorteile:
- Relativ niedrige Förderkosten
- Längere Produktionszyklen mit moderaten Decline Rates
- Technisch einfacher und schneller umsetzbar
Nachteile:
- Viele gute Onshore-Felder sind bereits alt oder erschöpft
- Neue große Entdeckungen werden immer seltener
Kosten & Marge: Typische Gesamtkosten liegen bei 10–20 USD pro Barrel. Die Margen gehören bei guten Feldern zu den höchsten der Branche.
2. Konventionell Offshore – Technik auf hohem Niveau
Hier wird in tiefem Wasser gebohrt – teilweise mehrere tausend Meter unter dem Meeresboden. Die bekanntesten Beispiele sind die Pre-Salt-Felder vor Brasilien oder die Förderung in der Nordsee und im Golf von Mexiko.
Vorteile:
- Sehr hohe Produktivität pro Bohrloch möglich
- Oft große, langlebige Felder
- Hohe Ölqualität
Nachteile:
- Extrem hohe Investitionskosten
- Lange Entwicklungszeiten (5–10 Jahre)
- Hohe technische und sicherheitstechnische Anforderungen
Kosten & Marge: Die Gesamtkosten liegen meist bei 18–32 USD pro Barrel. Bei sehr produktiven Feldern (wie Pre-Salt) können die Margen trotzdem attraktiv sein.
3. Schieferöl (Shale / Tight Oil) – Das „Factory Drilling"-Modell
Schieferöl wird aus sehr dichtem, undurchlässigem Gestein gewonnen. Anders als bei klassischen Lagerstätten kann das Öl hier nicht von allein fließen. Deshalb kommen zwei zentrale Technologien zum Einsatz:
- Horizontale Bohrungen: Statt nur senkrecht in die Erde zu bohren, wird das Bohrloch nach Erreichen der Zielformation horizontal weitergeführt – oft über mehrere Kilometer. Dadurch kann ein einziges Bohrloch eine viel größere Fläche der Lagerstätte erschließen.
- Hydraulisches Fracking: Unter sehr hohem Druck wird ein Gemisch aus Wasser, Sand und Chemikalien in das Gestein gepresst. Dadurch entstehen feine Risse, durch die das Öl und Gas aus dem dichten Gestein freigesetzt und zur Bohrung fließen kann.
Diese Kombination ermöglicht eine sehr schnelle und skalierbare Produktion – das sogenannte „Factory Drilling"-Modell.
Vorteile:
- Sehr hohe Flexibilität – Produktion kann relativ schnell hoch- und runtergefahren werden
- Kurze Entwicklungszeiten (Monate statt Jahre)
- Ermöglichte den USA den Aufstieg zum größten Ölproduzenten der Welt
Nachteile:
- Sehr steile Decline Curves (oft 60–80 % Förderrückgang in den ersten Jahren)
- Hoher laufender CapEx durch ständiges Bohren neuer Brunnen
- Höhere Umweltauswirkungen (Wasserverbrauch, Erdbebenrisiko)
Kosten & Marge: Die All-in-Kosten liegen typischerweise bei 30–45 USD pro Barrel. Die Margen sind stark vom Ölpreis abhängig und mittelmäßig bis gut.
4. Öl-Sande und Heavy Oil – Die Langstreckenläufer
Hierbei handelt es sich um sehr zähes, schweres Öl (Bitumen), das entweder im Tagebau abgebaut oder mit Dampf (SAGD) aus der Tiefe gefördert wird. Das Zentrum liegt in Alberta, Kanada.
Vorteile:
- Extrem große Ressourcenbasis
- Sehr niedrige Decline Rates → Produktion über 30–50 Jahre relativ stabil
- Einmal aufgebaut, sehr planbare Cashflows
Nachteile:
- Hohe Anfangsinvestitionen
- Deutlicher Preisabschlag beim Verkauf
- Höherer CO₂-Fußabdruck
Warum leidet die Marge unter einem niedrigeren Verkaufspreis?
Heavy Oil und Bitumen haben eine deutlich niedrigere Qualität als leichtes Rohöl (wie WTI oder Brent). Sie enthalten mehr Schwefel, mehr komplexe Moleküle (Asphaltene) und weniger der leichten Kohlenwasserstoffe, die in der Raffinerie zu Benzin und Diesel verarbeitet werden können.
Zusätzlich muss Heavy Oil oft mit Verdünnungsmitteln (Diluent) vermischt werden, damit es überhaupt transportiert werden kann. All das führt dazu, dass Raffinerien weniger dafür bezahlen wollen.
Der sogenannte Heavy Oil Discount (meist gemessen als WCS-WTI-Differential) liegt in der Regel bei 10–20 USD pro Barrel, in extremen Phasen kann er auch deutlich darüber liegen.
Raffinerie-Ausbeute (kurz erklärt)
Während aus leichtem Rohöl (WTI/Brent) oft 45–50 % Benzin gewonnen werden können, liegt die Benzin-Ausbeute bei Heavy Oil meist nur bei 38–42 %. Dafür entsteht deutlich mehr schwerer Rückstand und Koks, der weniger wertvoll ist. Deshalb brauchen viele Raffinerien aufwändige Anlagen (sogenannte Coker), um Heavy Oil wirtschaftlich verarbeiten zu können.
Kosten & Marge: Die laufenden Kosten sind nach der Inbetriebnahme oft niedrig (15–25 USD), die Margen werden jedoch durch den Preisabschlag spürbar reduziert.
Kurzer Vergleich der vier Förderarten
↑↑ Sehr hoch · ↑ Hoch · ↗ Mittel–Hoch · → Mittel · ↘ Niedrig–Mittel · ↓ Niedrig · ↓↓ Sehr niedrig
| Förderart | Kosten | Decline Rate | Flexibilität | Langlebigkeit | Marge | Komplexität |
|---|---|---|---|---|---|---|
| Konv. Onshore | ↓ | → | → | ↑ | ↑ | ↓ |
| Konv. Offshore | ↗ | ↘ | ↓ | ↑ | ↗ | ↑ |
| Schieferöl (Shale) | ↑ | ↑↑ | ↑↑ | ↓ | → | → |
| Öl-Sande / Heavy | → | ↓↓ | ↓ | ↑↑ | → | ↑ |
Was bedeutet das für Unternehmen?
Nicht jedes Ölunternehmen ist gleich aufgestellt. Die folgende Übersicht zeigt, wie sich ausgewählte große Player aktuell positioniert haben (Stand 2025/2026) — normalisiert auf 100 % je Unternehmen:
Die prozentualen Aufteilungen sind Näherungswerte basierend auf öffentlichen Daten und Guidance aus den Jahren 2025/2026.
Fazit: Keine Förderart ist per se besser
Jede der vier Methoden hat ihre Daseinsberechtigung:
- Shale eignet sich für Unternehmen, die Flexibilität und schnelles Wachstum wollen.
- Konventionelles Offshore (besonders Pre-Salt) bietet bei erfolgreicher Entwicklung hohe und stabile Margen.
- Oil Sands sind interessant für Investoren, die langfristige, planbare Cashflows suchen.
- Konventionelles Onshore bleibt die günstigste und margenstärkste Variante – wo noch gute Felder verfügbar sind.
Die klügsten Unternehmen mischen bewusst verschiedene Förderarten, um Risiken zu streuen und von den jeweiligen Stärken zu profitieren.
Die Art und Weise, wie Öl gefördert wird, bestimmt nicht nur die Kostenstruktur eines Unternehmens, sondern auch seine Resilienz gegenüber Ölpreisschwankungen und seine Position in einer Welt, die langfristig weniger Öl verbrauchen wird.