Ist der Markt nach dem massiven Angebotsschock der letzten Monate blind für die verbleibenden Risiken? Ein tieferer Blick in die Analysen von Eric Nuttall (Senior Portfolio Manager bei Ninepoint Partners) und Daan Struyven (Co-Leiter der globalen Rohstoffforschung bei Goldman Sachs) zeigt, dass sich hinter der oberflächlichen Markterleichterung eine komplexe Gemengelage verbirgt.
1. Logistik: Die illusorische Rückkehr zur „alten Normalität"
Der am Markt spürbare Optimismus stützt sich auf die Annahme, dass das Öl nach der Unterzeichnung der Absichtserklärung (MOU) in der Schweiz sofort wieder uneingeschränkt fließen wird. Goldman-Sachs-Experte Daan Struyven hält diesen Zeitplan im Basisszenario zwar für möglich und prognostiziert eine Normalisierung der Exporte bis Ende Juli, fügt jedoch eine entscheidende Einschränkung hinzu:
„Für die Exporte aus der Region müssen die Ströme durch die Straße von Hormus wieder etwa 70 % des normalen Niveaus erreichen [...] Die eigentliche Ölförderung – also die Produktion vor Ort – wird sich wohl erst bis Oktober vollständig auf das Vorkriegsniveau erholen."
— Daan Struyven, Co-Leiter globale Rohstoffforschung, Goldman Sachs
Noch deutlicher wird Eric Nuttall von Ninepoint Partners. Er wirft den Marktteilnehmern eine gefährliche Selbstgefälligkeit (complacency) vor. Die physische Infrastruktur habe im Laufe der viermonatigen Krise massiven Schaden genommen:
„Wir haben immer noch keine verlässlichen Prognosen darüber, wie lange es dauern wird, die rund 70 verschiedenen betroffenen Anlagen weltweit wieder ans Netz zu bringen. Bevor nicht wieder Schiffe real in die Straße einfahren – wofür es aktuell kaum Beweise gibt –, braucht das alles schlicht Zeit."
— Eric Nuttall, Senior Portfolio Manager, Ninepoint Partners
2. Historische Knappheit: Der SPR-Tankboden voraus
Ein oft übersehenes Argument in der aktuellen Debatte ist der Zustand der physischen Vorräte. Laut Nuttall stand die US-Regierung bei den Verhandlungen massiv unter Druck, da die strategische Ölreserve (SPR) der USA faktisch erschöpft ist. Seine Recherchen in Washington zeichnen ein dramatisches Bild:
„Es gibt nur noch eine eiserne Reserve von etwa 300 Millionen Barrel in den US-SPR. Bei der aktuellen Draw-Rate (Abbaurate) von 8 bis 9 Millionen Barrel hätte das den Markt nur noch bis Mitte Juli oder Mitte August getragen. Das Abkommen sieht auf den ersten Blick aus wie eine totale Kapitulation der Trump-Administration, getrieben von der Angst vor einem unmittelbar bevorstehenden Preissprung."
— Eric Nuttall, Senior Portfolio Manager, Ninepoint Partners
Diese physische Marktknappheit stützt auch die These, dass die Preise nicht ungebremst fallen können. Goldman Sachs beziffert das aktuelle Marktdefizit auf 5 %. Da die weltweiten Lagerbestände massiv abgebaut wurden, müssen diese nach der Öffnung der Transportwege über Monate hinweg mühsam aufgefüllt werden – eine kontinuierliche Stütze für den Ölpreis.
3. Die Aktien-Perspektive: Sweet Spot und Fehlbewertungen
Interessanterweise bewertet Eric Nuttall den jüngsten Preisrückgang auf ca. 80 Dollar für langfristige Investoren keineswegs als Katastrophe, sondern als den optimalen Zustand – den sogenannten „Sweet Spot" für Energie-Aktien:
„Steigt der Ölpreis zu brutal – etwa in Richtung 170 Dollar –, kollabiert die globale Nachfrage und Rezessionsängste würgen die Märkte ab. Ein stabiler Boden bei 80 Dollar hingegen ist perfekt: Er nimmt die Rezessionssorgen komplett aus dem Markt, während die Ölkonzerne weiterhin massive freie Cashflows generieren, die fast vollständig in Share Buybacks (Aktienrückkäufe) und Dividenden fließen."
— Eric Nuttall, Senior Portfolio Manager, Ninepoint Partners
Nuttall sieht genau hier eine massive Fehlbewertung an den Aktienmärkten. Die Kurse kanadischer und US-amerikanischer Öl-Aktien spiegeln derzeit einen Ölpreis von gerade einmal 60 bis 65 Dollar wider. Da der reale Preisboden jedoch deutlich höher liegt, bietet der Sektor laut dem Fondsmanager aktuell eine hervorragende Einstiegschance.
4. Chinas EV-Schutzschild und asymmetrische Risiken
Dass der Ölpreis trotz des historisch größten Angebotsschocks der Geschichte – der zeitweise zum Verlust von 14 % der Produktion im Nahen Osten führte – nicht dauerhaft dreistellig geblieben ist, verdankt die Weltwirtschaft vor allem einer Nation: China.
Daan Struyven betont die bemerkenswerte Flexibilität auf der Nachfrageseite: Die chinesischen Rohölimporte brachen im Vorjahresvergleich um 4 bis 5 Millionen Barrel pro Tag ein. Das Land reagierte mit einer rasanten Energiewende und stellte im Transportsektor im Rekordtempo auf Strom um. Der Boom bei den Elektrofahrzeugen (EVs) sorgt dafür, dass ein Teil dieser Nachfrageverluste dauerhaft bestehen bleibt.
Trotz dieser Entlastung warnt Goldman Sachs vor Asymmetrien: Sollte das Abkommen scheitern und die Verhandlungen über das iranische Atomprogramm in den kommenden Wochen eskalieren, droht ein historischer Preissprung. Das Aufwärtspotenzial bei einer erneuten Blockade liegt bei über 130 Dollar (+50 Dollar zum aktuellen Niveau), während das fundamentale Abwärtsrisiko selbst bei perfektem Verlauf auf ca. 60 Dollar begrenzt ist (−20 Dollar).
5. Analysten-Vergleich und Preis-Treiber
Die folgenden Tabellen fassen die Kernpunkte der Expertenanalysen und die mittelfristigen Kräfteverhältnisse am Ölmarkt übersichtlich zusammen.
Tabelle 1: Konsens vs. Dissens der Experten
Eric Nuttall(Ninepoint)
Daan Struyven(Goldman Sachs)
Tabelle 2: Mittelfristige Marktkräfte im Duell
Fazit für Öl-Investoren
Die Erleichterungsrally ist verständlich – doch die physische Realität hinkt der politischen Schlagzeile deutlich hinterher. Nuttall und Struyven sind sich in einem Punkt einig: Der Markt unterschätzt, wie lange es dauert, bis Öl aus dem Nahen Osten wieder wirklich fließt.
- ▸Preisboden bei 80 Dollar hält: Selbst im optimistischen Szenario bleibt ein struktureller Boden erhalten – gestützt durch leere Lager, Reparaturstaus und anhaltende Risikoprämien.
- ▸Energie-Aktien als Kaufgelegenheit: Die Kurse spiegeln implizit 60–65 Dollar wider – bei einem realen Preisniveau von über 80 Dollar. Diese Lücke wird sich schließen.
- ▸Asymmetrisches Risikoprofil beachten: Das Aufwärtspotenzial bei erneuter Eskalation (+50 Dollar) überwiegt das Abwärtsrisiko bei perfektem Verlauf (−20 Dollar) deutlich.
- ▸Strukturelle Divergenz weiter beobachten: Beim US-Shale-Wachstum und bei der Bewertung des chinesischen EV-Trends liegen Nuttall und Struyven weit auseinander – beide Thesen verdienen weiteres Monitoring.
Der „Sweet Spot" bei 80 Dollar ist kein Trost-Preis – er ist der optimale Ausgangspunkt: keine Rezessionspanik, aber volle Cashflows. Die Unternehmen kaufen Aktien zurück, zahlen Dividenden, und der Markt hat das noch nicht vollständig eingepreist.
Quellen
- ▸Ninepoint Partners / Eric Nuttall — „Energy Markets Are Too Complacent: The Next Opportunity in Oil Stocks" (Juni 2026): YouTube ansehen
- ▸Goldman Sachs / Daan Struyven — „How the US-Iran Deal Could Affect Oil Prices" (Juni 2026): YouTube ansehen
- ▸CNBC Television / Daan Struyven — „Expect to see oil exports from the Mideast back to normal by the end of July" (Juni 2026): YouTube ansehen
Hinweis: Dieser Beitrag stellt keine Anlageberatung dar, sondern dient ausschließlich der Information und Meinungsbildung. Bitte konsultieren Sie vor einer Anlageentscheidung Ihren persönlichen Finanzberater. Die hier wiedergegebenen Einschätzungen spiegeln die Meinungen der zitierten Analysten wider und nicht die Auffassung von öl-aktien-kaufen.de.