Was steckt wirklich in einem Barrel Rohöl?
Ein Vergleich zwischen leichtem Brent/WTI und schwerem kanadischem Öl — und warum ein Barrel am Ende mehr als ein Barrel ergibt.
Wenn man an Rohöl denkt, stellen sich die meisten vor: Man schüttet es in eine Raffinerie und bekommt am anderen Ende Benzin, Diesel und Kerosin heraus — fertig. So einfach ist es leider (oder zum Glück) nicht. In diesem Beitrag zerlegen wir das Thema Schritt für Schritt: von der fraktionierten Destillation über das chemische „Knacken" schwerer Moleküle bis hin zu Kosten, Viskosität, API-Schwere und dem kuriosen Nebenprodukt Petrokoks.
1. Rohöl ist keine fertige Mischung — es wird aktiv umgewandelt
Rohöl besteht aus Tausenden verschiedenen Kohlenwasserstoffen. Die Raffinerie trennt diese nicht nur nach Siedepunkt (fraktionierte Destillation), sondern verwandelt sie gezielt durch Cracking, Reforming und Hydrotreating. Das Ergebnis: Aus einem Barrel (159 Liter) Rohöl entstehen mehr als 159 Liter fertige Produkte — der sogenannte Processing Gain liegt meist zwischen 4 und 7 %. Die Endprodukte sind einfach weniger dicht als das Ausgangsmaterial.
2. Leichtes vs. schweres Öl — zwei Welten
Nicht jedes Rohöl ist gleich. Wir vergleichen Brent/WTI (leicht, süß, API 38–40°) mit Western Canadian Select (WCS) (schwer, API 20–22°, hochviskos). Die Unterschiede sind enorm:
- Leichtes Öl fließt fast von allein, hat wenig Schwefel und liefert von Natur aus viel Benzin und Kerosin.
- Schweres Öl ist bei Raumtemperatur zäh wie kalter Teer, schwefelreich und besteht zu über 50 % aus schweren Rückständen. Es braucht extrem komplexe Raffinerien mit Cokern und Hydrocrackern.
Die API-Schwere hat übrigens nichts mit Temperatur zu tun — es ist ein standardisiertes Dichtemaß (gemessen bei 15,6 °C). Je niedriger der Wert, desto schwerer und viskoser das Öl.
3. Was kommt am Ende wirklich raus? Die finale Ausbeute
In der jeweils für das Öl optimierten Raffinerie sieht die Verteilung im Durchschnitt so aus:
| Produkt | Brent/WTI (leicht) | WCS (schwer) |
|---|---|---|
| Benzin | 76 Liter (48 %) | 64 Liter (40 %) |
| Diesel + Heizöl | 48 Liter (30 %) | 56 Liter (35 %) |
| Kerosin / Flugkraftstoff | 18 Liter (11 %) | 14 Liter (9 %) |
| LPG + Petrochemie + Sonstiges | 18 Liter (11 %) | 18 Liter (11 %) |
| Koks / schwerer Rest | < 2 % | 15 Liter (10 %) |
| Gesamt-Flüssigprodukte | ca. 170 Liter (+7 %) | ca. 165 Liter (+4 %) |
Wichtiger Hinweis zur Ausbeute: Man kann die Produktion nicht beliebig auf bestimmte Endprodukte auslegen (z. B. nur Kerosin oder ein festes Verhältnis wie 40 % Kerosin – 30 % Diesel – 30 % Benzin). Die natürliche Molekülzusammensetzung des Rohöls setzt klare Grenzen. Mit Cracking lassen sich schwere Fraktionen in leichtere umwandeln, aber nicht umgekehrt. Extreme Verschiebungen sind technisch zwar in sehr begrenztem Umfang möglich, erfordern jedoch riesigen Energieaufwand, erzeugen viel Abfall und sind wirtschaftlich fast immer unsinnig. Jede Raffinerie ist auf eine bestimmte Rohölsorte und ein realistisches Produktspektrum ausgelegt.
Die folgende Infografik fasst diesen Vergleich anschaulich zusammen:
4. Die Wirtschaftlichkeit — warum schweres Öl trotzdem oft attraktiv ist
Hier wird es für Raffinerie-Betreiber spannend:
- Rohölpreis (Stand Mai 2026): Brent/WTI ca. 108 USD/Barrel — WCS ca. 90 USD/Barrel (Discount von 15–18 USD).
- Verarbeitungskosten: Leichtes Öl ca. 6 USD/Barrel — schweres Öl ca. 16 USD/Barrel (2–3× teurer).
- Bruttomarge: Bei leichtem Öl 10–15 USD, bei schwerem Öl oft 15–20 USD — der günstigere Einkaufspreis gleicht die höheren Kosten häufig mehr als aus.
Schweres Öl ist ein klassisches „Value-Play": billiger einkaufen, teurer verarbeiten, aber unterm Strich oft profitabler — vorausgesetzt, man besitzt eine hochkomplexe Raffinerie.
5. Was macht man eigentlich mit dem Koks?
Der Petrokoks aus schwerem Öl (vor allem aus WCS) ist kein Abfall, sondern ein gefragter Rohstoff:
- Fuel-grade (der Großteil): Brennstoff in Zementwerken, Kraftwerken, Kalk- und Glasöfen.
- Calcined Petcoke: Anoden für die Aluminiumproduktion.
- Needle Coke (Spezialqualität): Graphit-Elektroden für Stahlöfen und Lithium-Ionen-Batterien in E-Autos.
Fazit: Rohöl ist ein hochkomplexes Puzzle
Ein Barrel Rohöl ist kein einheitliches Produkt — je nach Sorte und Raffinerie entsteht eine ganz andere Mischung aus Kraftstoffen, Chemikalien und sogar festem Koks. Leichtes Öl wie Brent ist einfach und benzinlastig, schweres Öl wie WCS ist anspruchsvoll, aber wirtschaftlich oft lohnend.
Die nächste Tankfüllung Benzin oder der Flugtank mit Kerosin hat also eine viel längere und interessantere Geschichte, als man auf den ersten Blick denkt. Und irgendwo in Kanada wird gerade wieder ein zäher schwarzer Klumpen in eine hochkomplexe Raffinerie gepumpt — damit am Ende nicht nur Benzin, Diesel und Kerosin, sondern auch wertvolle Rohstoffe wie Petrokoks für die Aluminiumproduktion (Anoden für Flugzeuge und mehr) und Graphit für E-Auto-Batterien entstehen.